Review: Seid ma´jetz´alle ruhig! Bootcamp für Clikkz

18.Januar 2015, Farid

Seid ma` jetz` alle ruhig! – Bootcamp für Clikkz

 ram

 

In Berlin hat der gemeine, heranreifende Rapper die Möglichkeit, sich bei Rap am Mittwoch vor beachtlich großem Publikum zu präsentieren. Leider ist das tatsächlich bei vielen der nächste logische Schritt, nachdem Mutti den 16er ziemlich tight fand. Dann folgt folgender, mittlerweile sehr routinierte Ablauf:

 

Der Moderator guckt ins Publikum – Publikum buht – Moderator fragt, das wievielte Mal wack rappender Protagonist schon auf einer Bühne stand – Protagonist antwortet, es sei das erste Mal – „Like a Virgin“ wird angespielt – wrP verlässt die Bühne… Peinlich ist das schon lange keinem mehr.

 

Je später der Abend wird, umso besser werden die Akteure allerdings… Immerhin, Rapper wie Fresh Polakke, Bong Teggy, Atzenkalle vor einiger Zeit und nicht zu vergessen Gozpel oder Karate Andi, zeigen, dass RAM ein Sprungbrett für die eigene Karriere sein kann. Wenn man nicht Battle-Rapper bleiben will, ist die Kunst, sich einen Hype zu verschaffen und sich dann rechtzeitig zurückzuziehen. Andernfalls kann es einem ergehen wie zahlreichen VBT-Rappern, die bei ihren Auftritten Runden aus dem Turnier spielen, weil das Publikum das eben fordert. Oder der Hype nutzt sich einfach ab – so zu sehen gewesen bei Main Moe, der bis auf Ausnahmen, konstant hohes Niveau zeigte, beim Publikum aber nicht mehr so gut ankam wie zuvor, bis er scheinbar selbst den Spaß verloren hat.

 

Die Crowd dürstet ständig nach neuen Gesichtern – wenn lange keine neuen Gesichter da waren, reicht auch jemand, der gerade so an den Durchschnitt heranreicht. Überhaupt ist die Crowd bei RAM ein Thema für sich… Jeder Satz in dem „deine Mutter“ und irgendwas mit „ficken“ vorkommt, wird abgefeiert, wie der eigene Geburtstag. Bringt tatsächlich mal jemand, der nicht der Publikumsliebling ist, eine durchdachtere Line oder Wortspiele, wirkt das Auditorium eher wie die Klasse 8a in `ner Doppelstunde Chemie…

 

Früher fand Rap am Mittwoch im Calabash statt. Der Club fasste weitaus weniger Leute, es gab keinen VIP-Bereich, die Frauenquote war wie bei nem Fifa-Abend und die Luft war stickig… Aber irgendwie sind das auch genau die Attribute, die mich Woche für Woche in meine Stammkneipe ziehen und mir das Gefühl geben, dass etwas fehlt, wenn ich mal nicht da war.

 

An der Ambition, wirtschaftlich zu sein und sich selbst finanziell tragen zu können, ist absolut nichts auszusetzen – im Gegenteil. Vielleicht bin ich in diesem Fall auch einer dieser verstaubten Köpfe, die in der „guten alten Zeit“ hängen geblieben sind… von mir aus! Mir kommt es aber so vor, als ginge die jüngste Generation des Publikums nur zu RAM, um eben dort zu sein – um Fotos zu machen von sich bei RAM, vielleicht sogar zusammen mit einem der Rapper oder dem Moderator. Jener bittet die Ladies in die erste Reihe oder tadelt die Crowd vor dem dritten Take, sie sei nicht laut genug gewesen, soll ja geil aussehen im Video! Alles dreht sich um Youtube-Klicks, Facebook-Likes und Twitter-Follower, während Torch ins Kissen weint und sich fragt, was aus seinem HipHop geworden ist…

 

Autor: Maik Pleasure